Alfter bewegt sich. Zur Sonne! Zur Freiheit!

Peter Eßer, Gemeindevertreter DIE LINKE Alfter

Peter Eßer, Gemeindevertreter DIE LINKE Alfter

(Peter Eßer) Dem gestrigen Wirtschaftsförderausschuss war es zu entnehmen: Alfter wird sich wieder bewegen. Und zwar wieder einmal am 1. Mai. Schon im letzten Jahr hatte ich diese Terminwahl kritisiert. Das konservative Lager macht sich breit und walzt über den Tag der Arbeit. Gerade in Zeiten von umsichgreifender Armut, Niedriglohn und Rentenkürzung wäre es um so wichtiger, dass die gewerkschaftliche Gegenkraft gestärkt würde.

Daran hat aber scheinbar niemand ein Interesse. Verständlich ist, dass die Vertreter der CDU oder FDP keine explizite Vorliebe für die Pflege von Arbeitertraditionen haben. Hier fällt es mir leicht zu glauben, dass eine gewisse augenzwinkernde Bauernschläue die Teilnahme an Mai-Kundgebungen relativiert und eine Gegenveranstaltung zu verankern sucht. Dieser Scherz hat jedoch einen ernsten Hintergrund. Denn schließlich kann man es durchaus so sehen, dass hier mit Mitteln der Allgemeinheit tendenziös Politik gemacht wird.

Ruhiges Burgunderrot

Nun kann man nicht immer und überall auf alle Bezüge Rücksicht nehmen. Und wenn dann zufällig mal eine Gemeindeveranstaltung auf einen bestimmten Feiertag fällt, so sollte die dadurch ausgelöste Empörung in den engen Grenzen bleiben, die der gesunde Menschenverstand und das Bestreben um ein gedeihliches Miteinander gebietet. Das fällt aber sehr viel schwerer, wenn der Eindruck entsteht, dass dies zu einem Prinzip wird. Wenn ein Feiertag prizipiell missachtet wird, sind Bedenken angebracht.

Aber wen sollte das stören? Vielleicht Menschen, die sich mal zusammentaten, um die Sache der Arbeiter (und Angestellten) zu vertreten? Leute, die auch in diesem Jahr wieder in den Wahlkampf ziehen, um die „soziale Gerechtigkeit“ zu erkämpfen? Die scheint jedoch auf dem Lande und besonders in Alfter nicht besonders dringlich zu sein. Denn aus der sogenannten Alfterer SPD ist nicht ein Sterbenswörtchender der Kritik zu hören. Das steigert Bedenken und Verwunderung gleichermaßen. Ist man schon so weit weg von seinen Wurzeln? Ist der Steinbrück erstmal nominiert, lebt’s sich gänzlich ungeniert…

Dann kann man auch auf den Tag der Arbeit als internationalem Fest der Solidarität ganz locker verzichten. Wer unbedingt zu so einer verstaubten Arbeiterkundgebung gehen will, der soll das ruhig tun – wir haben aber besseres, schöneres und natürlich cooleres vor: Wir fahren Rad und ertüchtigen unseren Körper. Denn am folgenden Donnerstag müssen wir wieder frisch an’s Werk – zur Arbeit!

Wiederholungstäter

Alfter bewegt in diesem Jahr zu vierten mal. Im Frühling 2010 rollten erstmals die Räder durch die Felder und Dörfer von Alfter. Im letzten Jahr wurde erstmals der erste Mai terminiert. Ich habe das damals öffentlich kritisiert und der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass es eine Ausnahme bliebe und der Respekt vor diesem Feiertag nicht bewusst verweigert werde. Nun zeigt die diesjährige Terminwahl, dass man zumindest rücksichtslos plante – wenn nicht gar mit heimlicher Freude.

Verrohung der Sitten

Ist man einerseits bei der Umwidmung von Feiertagen in „freie Tage“ sehr großzügig, werden andererseits die Traditionen mit aller Kraft verteidigt. Dazu wird auch mit gesetzlicher Kraft der Respekt gegenüber, beispielsweise kirchlichen, Feiertagen durchgesetzt. Der bevorstehende Karfreitag ist ein Beispiel für einen sogenannten „stillen Tag“: Auch als Atheist ist es Ihnen verboten, an diesem Tag zu tanzen. Jedenfalls nicht öffentlich, beispielsweise in einem Club. Selbst am heiligen Abend gilt ab 16 Uhr ein striktes Tanzverbot. Ab Mitternacht ist es wieder erlaubt Jesu Geburtstag laut zu feiern. Soll auf diese Weise die Jugend beim heimischen Weihnachtsbaum gehalten werden?

In Bayern hat man, um der „Verrohung der Sitten“ entgegen zu wirken, das schärfste Tanzverbot der Republik etabliert. Die dahinführende Logik ist nicht vollständig abzuweisen: Feiertage, und von denen hat Bayern von allen Bundesländern am meisten, entstehen nicht ohne Grund. Es wird etwas gefeiert oder gedacht und diesem Zweck verdankt der Feiertag, auch wenn er nur noch als „freier Tag“ verstanden wird, seine Existenz. Das ist ein Stück unserer Kultur. Kultur ist das, was unser Leben ausmacht, neben all dem Streben nach Überleben, möglichst effizientem Profitmaximieren und Machterwerb. Das ist so etwas wie der letzte Anker für den Sinn des Lebens. Die Bremse und der Ausweg im sinnlosen Hamsterrad-Rennen ohne Start und Ziel in der ewigen Folge von sinnloser Arbeit, sinnloser Freizeit und traumlosem Schlaf.

Aber in den Zeiten der ökonomischen Relevanzlüge ist Kultur zu einer verzichtbaren Privatangelegenheit verkommen, die, wenn sie nichts einbringt, lediglich als Kostenfaktor interessiert. Zwar sollte uns der Fortschritt von Wissenschaft und Technik endlich in die Lage versetzen, dem wahren Sinn menschlicher Existenz, jenseits des schieren Überlebens, nachzuspüren, doch das Gegenteil geschieht: Statt allgemeinen Fortschritt im Sinne der Mehrheit zu fördern, werden immer größere Gruppen an den Rand der Verzweiflung gedrängt und eine immer rücksichtsloser werdende Minderheit treibt die Gier in immer größere Dimensionen. Obwohl sie längst nicht mehr wissen, wohin mit all dem Geld und daher eine Finanzkirse nach der anderen provozieren, muss nach immer weiteren komerzialisierbaren Bereichen gesucht werden. Warum, das kann niemand so recht beantworten aber für nötig hält es fast jeder. Und wenn ein verkaufsoffener Sonntag möglich ist, dann muss er auch her.

Ich wünsche mir mehr Kultur und weniger Kommerz und lade alle, die sich das auch wünschen, zur Mai-Kundgebung des DGB auf den Bonner Marktplatz ein. Danach kann man immer noch Radfahren…

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